Geruchstraining: Wie Covid eine wissenschaftliche Disziplin schuf

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Eine ganz besondere Angst, ein Sinn zu verlieren, dem man zuvor nie Beachtung geschenkt hatte. Keine Blindheit, die die Vorstellungskraft immer wieder durchspielt. Keine Taubheit, die von der Literatur geadelt wurde. Sondern Anosmie, das völlige Fehlen des Geruchssinns, für das die meisten Menschen bis vor Kurzem nicht einmal einen Namen kannten.

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Im Frühjahr 2020 wachten Millionen Menschen in einer Welt auf, der ihre unsichtbare Architektur abhandengekommen war. Kaffee hatte keine Wärme mehr. Knoblauch keinen Biss. Die eigenen Kinder rochen nach nichts. Der Verlust war nicht schmerzhaft wie ein gebrochener Knochen. Er war ontologisch. Die Welt war noch da, visuell unversehrt, aber ihr war eine Dimension genommen worden, von der niemand ihnen je gesagt hatte, dass sie alles zusammenhielt.

Was danach geschah, ist eines der seltsamsten Kapitel in der Geschichte der Medizin. Ein Rehabilitationsprotokoll, das in einem deutschen Universitätslabor entwickelt worden war, unscheinbar und wenig glamourös, von vielleicht zwei Dutzend Forschenden weltweit untersucht, wurde über Nacht zu einem globalen Phänomen. Millionen Menschen, verzweifelt und von ihren Ärztinnen und Ärzten weitgehend allein gelassen, begannen, zweimal täglich an ihren Küchentischen zu sitzen, kleine Gefäße mit ätherischen Ölen unter die Nase zu halten und mit der konzentrierten Bedachtsamkeit eines Menschen zu schnuppern, der wieder laufen lernt.

Sie machten ein Geruchstraining. Und dabei stießen sie ganz nebenbei auf einen der eindrucksvollsten Belege für Neuroplastizität, die die moderne Wissenschaft hervorgebracht hat.

Das Protokoll hat einen Namen und einen Vater. Thomas Hummel, Professor für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde an der Technischen Universität Dresden, erforschte seit den frühen 1990er-Jahren Geruchsstörungen - eine Zeit, in der man Kolleginnen und Kollegen zu sagen, man erforsche den Geruchssinn, ungefähr so wirkte wie die Ankündigung, man sammle Kronkorken. Das Riechsystem war in der Hierarchie der Neurowissenschaften ein blinder Fleck. Das Sehen hatte seinen Kortex. Das Hören hatte Cochlea-Implantate. Der Geruchssinn hatte Anekdoten und Resignation.

Hummel fand sich damit nicht ab. Ihm war etwas aufgefallen, das die klinische Literatur weitgehend ignoriert hatte: Einige Patientinnen und Patienten mit postviraler Anosmie erlangten ihren Geruchssinn mit der Zeit zurück, und diejenigen, die während ihrer Genesung aktiv Gerüche suchten, schienen sich vollständiger zu erholen. Die Beobachtung war informell. Sie war jedoch, wie sich herausstellte, der Keim von allem, was folgte.

Bis 2009 hatten Hummel und sein Team diese Intuition in ein Protokoll überführt. Vier ätherische Öle - Rose, Eukalyptus, Zitrone und Gewürznelke - wurden nicht willkürlich ausgewählt, sondern nach einem Klassifikationssystem, das der deutsche Psychologe Hans Henning 1916 in seinem Buch Der Geruch vorgeschlagen hatte. Henning beschrieb die olfaktorische Wahrnehmung als entlang eines geometrischen Prismas mit sechs Eckpunkten organisiert: blumig, fruchtig, harzig, würzig, faulig und verbrannt. Hummels vier Öle wurden ausgewählt, um vier dieser sechs Kategorien zu repräsentieren. Rose für blumig. Zitrone für fruchtig. Eukalyptus für harzig. Gewürznelke für würzig. Die Kategorien faulig und verbrannt wurden aus naheliegenden Gründen des häuslichen Friedens ausgelassen.

Die Anweisungen waren verblüffend einfach. Zweimal täglich, morgens und abends, öffnete die Patientin oder der Patient jedes Gefäß der Reihe nach und atmete zehn bis fünfzehn Sekunden lang sanft ein, wobei die Aufmerksamkeit auf den Geruch gerichtet wurde - oder auf die Erinnerung an den Geruch, falls der Geruch selbst nicht wahrnehmbar war. Die Mindestdauer betrug zwölf Wochen. Wenn eine Verbesserung eintrat, setzte sie sich oft noch monatelang fort.

Die erste randomisierte kontrollierte Studie, die Hummels Gruppe 2009 in The Laryngoscope veröffentlichte, zeigte im Vergleich zur Kontrollgruppe eine statistisch signifikante Verbesserung der olfaktorischen Funktion. Spätere Studien bestätigten das Ergebnis. Eine systematische Übersichtsarbeit von Sorokowska und Kollegen aus dem Jahr 2017 in Rhinology bestätigte es ebenfalls. Nach den Maßstäben der Geruchsmedizin, einem Bereich, in dem therapeutischer Nihilismus die Standardhaltung war, waren die Ergebnisse bemerkenswert. Hier war eine Behandlung, die fast nichts kostete, keine Nebenwirkungen hatte und messbare strukturelle und funktionelle Veränderungen im Nervensystem bewirkte.

Fast niemand bemerkte es.

Um zu verstehen, warum Geruchstraining funktioniert, muss man etwas Ungewöhnliches über das olfaktorische System verstehen: Es ist das einzige sensorische System im menschlichen Körper, das seine primären Neuronen während des gesamten Erwachsenenlebens kontinuierlich regeneriert.

Das Riechepithel, ein briefmarkengroßes Gewebestück weit oben in der Nasenhöhle, enthält ungefähr sechs Millionen Riechrezeptorneuronen, von denen jedes genetisch einzigartig ist. Jedes Neuron exprimiert an seiner Oberfläche einen einzigen Geruchsrezeptortyp, aus einem Repertoire von ungefähr vierhundert funktionellen Rezeptorgenen, wie die mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Arbeit von Linda Buck und Richard Axel zeigte, die 1991 in Cell veröffentlicht wurde. Wenn ein Molekül aus der Luft an einen dieser Rezeptoren bindet, feuert das Neuron. Das Signal wandert am Axon des Neurons entlang, durch winzige Öffnungen in der Lamina cribrosa, einem siebförmigen Knochen an der Schädelbasis, und in den Riechkolben, die erste Umschaltstation des Gehirns für den Geruchssinn.

Hier liegt das entscheidende Detail: Riechrezeptorneuronen leben nur dreißig bis sechzig Tage. Sie entstehen aus einer Population basaler Stammzellen im Epithel, reifen heran, verlängern ihre Axone durch die Lamina cribrosa, bilden synaptische Verbindungen im Riechkolben, funktionieren einige Wochen lang und sterben dann. Dieser Zyklus hört nie auf. Sie bauen Ihren Geruchssinn buchstäblich jeden Monat neu auf.

Diese ständige Regeneration ist die größte Stärke und zugleich die größte Verwundbarkeit des Systems. Unter normalen Bedingungen folgen die neu gebildeten Neuronen chemischen Leitsignalen, um ihre richtigen Zielorte im Riechkolben zu finden. Neuronen, die denselben Rezeptortyp exprimieren, laufen im selben Glomerulus zusammen, einem kugelförmigen Synapsencluster, und erzeugen so eine präzise räumliche Karte. Die Karte wird fortwährend neu geschrieben, doch weil die Leitsignale stabil sind, bildet jede neue Generation von Neuronen dieselbe Topografie wieder ab. Das Ergebnis ist nahtlos. Sie bemerken die Renovierung nie, weil der Grundriss gleich bleibt.

Wenn ein Virus das Riechepithel schädigt, genau das tut SARS-CoV-2 ebenso wie Influenza, Rhinoviren und andere Viren, kann der Regenerationsprozess aus dem Takt geraten. Die Stammzellen teilen sich weiterhin. Neue Neuronen entstehen weiterhin. Doch die Leitsignale können gestört sein. Neu gebildete Neuronen verlängern ihre Axone wie Pendler in einer Stadt, in der alle Straßenschilder entfernt wurden, in den Riechkolben und verbinden sich mit den falschen Glomeruli. Ein Neuron, das eigentlich an den Glomerulus für Rose anschließen sollte, landet stattdessen bei dem für Schwefel. Der subjektive Eindruck dieser Fehlverdrahtung ist Parosmie, jener erschreckende Zustand, in dem vertraute Gerüche verzerrt erscheinen, meist in etwas Übelkeit Erregendes. Kaffee riecht nach Abwasser. Schokolade nach Benzin. Die Haut des Partners oder der Partnerin nach verbranntem Gummi.

Geruchstraining setzt genau an diesem Punkt an. Indem wiederholt dieselben vier Gerüche dargeboten werden und die Patientin oder der Patient vor allem dazu aufgefordert wird, die Aufmerksamkeit bewusst auf jeden einzelnen zu richten und sich an seinen wahren Charakter zu erinnern, selbst wenn die aktuelle Wahrnehmung verzerrt oder nicht vorhanden ist, scheint das Protokoll eine Form gelenkter Neuroplastizität zu ermöglichen. Wiederholte Stimulation unterstützt die regenerierenden Neuronen offenbar dabei, ihre korrekten glomerulären Zielorte zu finden. Die Aufmerksamkeitskomponente könnte das Feedback neuronaler Prozesse von oben nach unten verstärken und dabei helfen, richtige Verbindungen zu festigen und falsche zu entfernen. Über Wochen und Monate wird die räumliche Karte im Riechkolben allmählich wiederhergestellt.

Der Mechanismus ist noch nicht vollständig verstanden. Aus naheliegenden Gründen hat niemand während eines Geruchstrainings wiederholt Biopsien des menschlichen Riechepithels vorgenommen. Doch die übereinstimmenden Belege aus funktioneller Bildgebung des Gehirns, psychophysikalischen Tests und Tiermodellen sind überzeugend. Geruchstraining beschleunigt und lenkt die natürliche Genesung.

Ein Wort im Protokoll verdient mehr Aufmerksamkeit, als ihm gewöhnlich zuteilwird. Dieses Wort lautet Aufmerksamkeit.

Hummels Anweisungen lauten nicht: Setzen Sie sich zweimal täglich vier Gerüchen aus. Sie lauten: Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf jeden Geruch. Konzentrieren Sie sich. Versuchen Sie, sich daran zu erinnern, wie er riechen sollte. Dieser Unterschied ist nicht nebensächlich. Mehrere Studien haben gezeigt, dass eine passive Exposition gegenüber Gerüchen - etwa eine Beduftung der Raumluft - deutlich weniger Verbesserung bewirkt als dieselbe Exposition in Verbindung mit bewusster, fokussierter Aufmerksamkeit. Der Versuch zu riechen, das Bewusstsein auf das olfaktorische Signal zu richten, scheint auf eine Weise pharmakologisch aktiv zu sein, die die bloße Nähe zu Molekülen nicht ist.

Das ist ein zutiefst seltsames Ergebnis, wenn man den Geruchssinn als passiven Sinn betrachtet, wie es die meisten Menschen tun. Wir neigen dazu, uns vorzustellen, dass Riechen etwas ist, das uns widerfährt: Ein Geruch zieht vorbei, wir nehmen ihn wahr, Ende der Geschichte. Doch die Neurowissenschaft erzählt eine andere Geschichte. Olfaktorische Wahrnehmung ist eine Konstruktion, die in Echtzeit aus dem Zusammenspiel von aufsteigenden sensorischen Signalen und absteigenden Erwartungen, Erinnerungen und Aufmerksamkeitszuständen entsteht. Wenn Sie sich auf einen Geruch konzentrieren, empfangen Sie nicht einfach mehr davon. Sie verändern die neuronale Berechnung, die aus einem chemischen Signal eine Wahrnehmung macht.

Der Philosoph Alva Noë argumentierte in seinem Buch Action in Perception von 2004, Wahrnehmung sei nichts, was Organismen erdulden, sondern etwas, das sie vollziehen. Geruchstraining ist vielleicht die wörtlichste Verkörperung dieser These in der klinischen Medizin. Die Patientin oder der Patient ist nicht passiver Empfänger einer Behandlung, die jemand anderes verabreicht. Die Patientin oder der Patient ist die Behandlung. Die eigene Aufmerksamkeit ist der Wirkstoff.

Das ist nebenbei auch der Grund, warum Geruchstraining so schwierig ist. Nicht körperlich: Ein Gefäß zu öffnen und daran zu riechen erfordert weder besondere Ausrüstung noch besondere Fähigkeiten. Aber in Bezug auf die Aufmerksamkeit. Schon fünfzehn Sekunden lang fokussierte olfaktorische Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, ist für die meisten Menschen echte Arbeit. Der Geist schweift ab. Das visuelle System, das an seine Dominanz gewöhnt ist, setzt sich wieder durch. Die Versuchung, die Übung nur mechanisch auszuführen, das Gefäß unter die Nase zu halten und dabei an etwas anderes zu denken, ist überwältigend. Und die Übung nur mechanisch auszuführen, funktioniert bei Weitem nicht so gut.

Die Geruchslosigkeitskrise nach Covid offenbarte einen gewaltigen, ungedeckten Bedarf an olfaktorischer Bildung. Vor 2020 trainierten nur Fachleute ihren Geruchssinn bewusst: Parfümeure, Flavouristen, Sommeliers, Önologen, Teeverkoster und eine Handvoll Sensorikwissenschaftler. Diese Disziplinen hatten immer erkannt, dass olfaktorische Schärfe keine feste Eigenschaft, sondern eine Fähigkeit ist, die durch jahrelange systematische Übung entwickelt wird. Ein angehender Parfümeur verbringt Monate damit, Rohstoffe mit verbundenen Augen zu identifizieren - nicht weil seine Nase anatomisch anders wäre als die anderer Menschen, sondern weil er durch Wiederholung und Aufmerksamkeit eine kognitive Architektur zur Unterscheidung und Kategorisierung olfaktorischer Informationen aufgebaut hat.

Die Anosmiekrise durch Covid demokratisierte dieses Wissen. Plötzlich lernten ganz gewöhnliche Menschen Dinge, die Parfümerieschüler in ihrem ersten Jahr lernen: dass Riechen aktives Engagement erfordert; dass das Benennen eines Geruchs hilft, ihn wahrzunehmen; dass dasselbe Molekül je nach Konzentration, Kontext und Erwartung unterschiedlich riechen kann; dass olfaktorische Erinnerungen dauerhafter und emotional aufgeladener sind als visuelle oder auditive Erinnerungen; dass sich die Nase schnell anpasst und zwischen den Expositionen Ruhe braucht; dass der Geruchssinn an manchen Tagen schärfer ist als an anderen, aus Gründen, die weiterhin weitgehend rätselhaft sind.

Über Nacht entstand eine kleine Industrie. Sets für das Geruchstraining, kleine Boxen mit den vier klassischen Ölen, tauchten bei Amazon, Etsy und in Apotheken in ganz Europa auf. Selbsthilfegruppen wie AbScent im Vereinigten Königreich, gegründet von der Aktivistin gegen Geruchsverlust Chrissi Kelly, wurden zu Rettungsleinen für Hunderttausende Menschen. Facebook-Gruppen wuchsen zu Gemeinschaften gegenseitiger Hilfe heran, in denen Mitglieder ihre Fortschritte mit obsessiver, bewegender Genauigkeit dokumentierten. Die medizinische Fachwelt, die Geruchsbeschwerden nie besonders ernst genommen hatte - es gibt kein olfaktorisches Gegenstück zum Audiologen und keinen Versicherungscode für Geruchsrehabilitation -, war gezwungen, verspätet aufmerksam zu werden.

Einige Anhänger des Geruchstrainings gingen noch weiter. Nachdem sie ihren Geruchssinn wiedererlangt hatten, hörten sie nicht mit dem Training auf. Sie stellten fest, dass die bewusste olfaktorische Übung ihre Wahrnehmung über das Niveau vor der Erkrankung hinaus geschärft hatte. Sie konnten Feinheiten erkennen, die ihnen zuvor nie aufgefallen waren. Ihr Vokabular zur Beschreibung von Gerüchen war größer geworden. Sie waren, bescheiden, aber wirklich, präsenter in der olfaktorischen Welt.

Das ist vielleicht die interessanteste und in der medizinischen Literatur am wenigsten diskutierte Folgerung aus der Geschichte des Geruchstrainings. Wenn gerichtete olfaktorische Aufmerksamkeit einen geschädigten Geruchssinn reparieren kann, was kann sie dann mit einem intakten tun?

Die Antwort lautet, basierend auf jahrzehntelangen Erkenntnissen der Sensorikwissenschaft: sehr viel. Studien zum Geruchstraining mit gesunden Versuchspersonen haben Verbesserungen bei der Geruchsunterscheidung, -identifikation und -empfindlichkeit gezeigt. Die Zugewinne sind nicht enorm und erfordern anhaltende Anstrengung. Doch sie sind real. Die menschliche Nase ist kein feststehendes Instrument mit unveränderlichen Spezifikationen. Sie verhält sich eher wie ein Muskel oder, genauer gesagt, wie ein neuronales Netzwerk, dessen Unterscheidungsfähigkeit durch strukturierten Input und Feedback zunimmt.

Das übergeordnete Prinzip gilt für jede Sinnesmodalität, ist beim Geruchssinn jedoch am deutlichsten, weil wir diesen Sinn am meisten vernachlässigen. Wir leben in einer visuell übersättigten und olfaktorisch verarmten Kultur. Wir haben hundert Wörter für Farben und fast keine für Gerüche - eine Armut, in der sich die Synästheten, die Düfte als Farben sehen, flüssiger bewegen als der Rest von uns. Wir können den exakten Blauton in einem Gemälde beschreiben, haben aber Mühe, den Unterschied zwischen zwei Weißweinen auszudrücken. Das ist keine Einschränkung der Nase. Es ist eine Einschränkung der Aufmerksamkeit.

Geruchstraining - ob von einer anosmischen Patientin oder einem anosmischen Patienten mit vier Gefäßen ätherischer Öle, von einem Parfümeur mit tausend Rohstoffen oder von jedem, der einfach innehält, um wahrzunehmen, wonach die Luft tatsächlich riecht - ist im Kern eine Übung darin, diese Vernachlässigung umzukehren. Es bedeutet, Informationen Aufmerksamkeit zu schenken, die schon immer da waren, dieselben Neuronen erreichten, dieselben molekularen Kaskaden auslösten, aber am Rand des Bewusstseins verarbeitet wurden statt in seinem Zentrum.

Eine letzte Ironie sollte erwähnt werden. Trotz der umfassenden wissenschaftlichen Bestätigung von Hummels Protokoll, trotz der randomisierten Studien, der bildgebenden Untersuchungen und der neurobiologischen Modelle, ist der zentrale Mechanismus des Geruchstrainings etwas, das Menschen seit Jahrtausenden tun, ohne ihm diesen Namen zu geben. Die Weihrauchrituale der Tempel der Antike. Die Gewürzmärkte der mittelalterlichen Handelsrouten. Die Spaziergänge durch Gärten, die in der Medizin des 18. Jahrhunderts gegen Melancholie verschrieben wurden. Der Sommelier, der ein Glas schwenkt und mit geschlossenen Augen daran riecht. All das sind auf ihre Weise strukturierte Übungen olfaktorischer Aufmerksamkeit.

Thomas Hummel hat das Geruchstraining nicht erfunden. Er hat es gemessen. Er hat es formalisiert. Er hat es bewiesen. Und damit gab er etwas einen Namen und einen Mechanismus, worauf das menschliche Riechsystem schon immer gewartet hatte: den einfachen, radikalen Akt, aufgefordert zu werden, dem zuzuhören, was es uns mitteilt.

Es brauchte eine Pandemie, damit wir zuhören.

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