Labdanum: Das Harz, das Ziegen ernten, ohne es zu wissen

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Eine Pflanze, die auf den trockenen, von der Sonne versengten Hängen des Mittelmeers wächst, auf Kreta, auf Zypern, auf der gesamten Iberischen Halbinsel und im Buschland Nordafrikas, deren Blätter ein dunkles, aromatisches Harz absondern, das so klebrig ist, dass alles, was es streift, davon überzogen wird. Die Pflanze ist Cistus ladanifer, manchmal auch Zistrose genannt, obwohl sie überhaupt keine Rose ist. Sie ist ein strauchiger Busch mit weißen Blüten, der in kargen Böden unter unbarmherziger Sonne gedeiht, in einer Landschaft, in der sich die meisten Kulturpflanzen weigern zu wachsen. Ihr Harz heißt Labdanum. Und während des größten Teils der Menschheitsgeschichte bestand die wichtigste Methode, dieses Harz zu ernten, darin, Ziegen die Blätter fressen zu lassen und anschließend die klebrigen Rückstände aus ihren Bärten zu kämmen.

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Das ist keine Folklore. Es handelt sich um eine dokumentierte landwirtschaftliche Praxis, die mindestens dreitausend Jahre zurückreicht.


Herodot und die Ziegen von Kreta und Zypern

Die frühesten Hinweise auf Labdanum finden sich in ägyptischen Handelsaufzeichnungen. Herodot beschrieb in seinen Historien (Buch III) im fünften Jahrhundert v. Chr. die Sammelmethode mit der amüsierten Genauigkeit eines Mannes, der sie selbst mit eigenen Augen gesehen hatte. Die Ziegen von Kreta und Zypern, so stellte er fest, grasten frei zwischen den Zistrosensträuchern, und das Harz blieb an den langen Haaren ihres Kinns und ihrer Beine haften. Die Hirten verwendeten anschließend ein spezielles Werkzeug, einen rechenähnlichen Gegenstand mit Lederriemen statt Zinken, um das Harz aus dem Fell der Tiere zu kämmen. Dieses Werkzeug hatte einen Namen: Ladanisterion. Es erscheint in griechischen Texten, in Handelsinventaren und in den materiellen Aufzeichnungen antiker Apotheken. Es war ein reales Objekt, eigens für eine Aufgabe angefertigt, die dem modernen Leser unglaubwürdig erscheint.

Doch die Unglaubwürdigkeit liegt bei uns, nicht bei ihnen. In einer Welt vor der industriellen Extraktion, vor der Wasserdampfdestillation und vor der Lösungsmitteltechnologie erntete man aromatische Stoffe so, wie es die Landschaft erlaubte. Wenn die Landschaft einem mit Harz bedeckte Ziegen bescherte, kämmte man eben die Ziegen.

Das daraus gewonnene Material, dunkel, schwer und geschmeidig, mit einem Duft, der Süße, Wärme, einen leichten animalischen Moschus und etwas vereinte, das sich nur als der Geruch sonnenverbrannter Erde beschreiben lässt, war eines der wertvollsten Aromastoffe der antiken Welt. Es gelangte zusammen mit Weihrauch und Myrrhe über die Weihrauchstraßen. Es wurde in Tempeln verbrannt. Es wurde in der Medizin verwendet. Es wurde zu Preisen gehandelt, die sowohl seine Begehrtheit als auch die Absurdität seiner Lieferkette widerspiegelten.


Warum Amber in der Parfümerie Labdanum bedeutet

Das Wort „Amber“ sorgt in der Parfümerie für mehr Verwirrung als fast jeder andere Begriff dieses Fachgebiets. Wenn ein Duft als Amber-Akkord beschrieben wird oder Amber in einer Notenliste auftaucht, stellt sich der unkundige Leser den Edelstein vor: fossiles Baumharz, golden und durchscheinend, das manchmal prähistorische Insekten enthält. Das ist falsch. Amber als Edelstein hat keinen Geruch. Oder vielmehr: Es hat einen schwachen, kaum wahrnehmbaren Duft, der erst beim Erhitzen entsteht, und selbst dann ähnelt er kaum dem, was Parfümeure meinen, wenn sie „Amber“ sagen.

Gemeint ist Labdanum.

Der Amber-Akkord, jene warme, süße, harzige, leicht pudrige und vage animalische Basis, die in Hunderten, wenn nicht Tausenden von Düften vorkommt, insbesondere in den als orientalisch oder ambrig klassifizierten, basiert in seiner klassischen Form auf Labdanum. Manchmal wird es mit Benzoe, mit Vanille oder mit Spuren anderer balsamischer Stoffe vermischt, doch verankert wird der Akkord durch dieses spezifische Harz dieser spezifischen Pflanze, das historisch mit dieser spezifischen Methode unter Beteiligung von Ziegen gewonnen wurde.

Die Verbindung zwischen dem Wort und dem Material ist vollständig abgerissen. Ein Kunde, der auf einem Duftstreifen „Amber“ liest, stellt sich etwas Geologisches vor, etwas im fossilen Sinne Uraltes, etwas Kostbares, so wie Edelsteine kostbar sind. Tatsächlich riecht er das Produkt eines mediterranen Strauchs, ein Produkt, das in seiner traditionellsten Form in die Verdauungsnähe eines Wiederkäuers gelangte, bevor es den Parfümeur erreichte.

Das ist keine Herabsetzung. Wenn überhaupt, ist es interessanter als die Geschichte vom Edelstein. Der Edelstein ist inert. Das Harz ist voller molekularer Komplexität, mit Labdanol, cis-Labda-8(17),12-dien-15-säure und Dutzenden von Sesquiterpenen und Diterpenen, die ihm eine Wärme und Tiefe verleihen, die kein einzelnes synthetisches Molekül jemals vollständig nachbilden konnte.


Moderne Extraktion ohne Ziegen

Modernes Labdanum wird nicht mehr von Ziegen geerntet. Die Methode wandelte sich bereits vor Jahrhunderten: zunächst zur direkten Gewinnung aus der Pflanze mittels Heißwasserextraktion, später zur Lösungsmittel-Extraktion des Rohharzes oder des Pflanzenmaterials selbst. Heute liegen die wichtigsten Anbaugebiete in Spanien, Portugal und Teilen Nordafrikas; auch in Griechenland gibt es noch etwas Produktion. Die Zistrosensträucher werden geschnitten und ausgekocht, anschließend wird das Harz gesammelt und entweder zu einem Resinoid verarbeitet, einer dicken, dunklen, intensiv aromatischen Paste aus der Lösungsmittel-Extraktion, oder zu einem Absolue, einer weiter verfeinerten und für die Parfümerie besser nutzbaren Form.

Der Wechsel von durch Ziegen gewonnenem zu pflanzenextrahiertem Labdanum erfolgte nicht aus Gründen des Tierschutzes. Im siebzehnten oder achtzehnten Jahrhundert machte sich niemand Sorgen um das Wohlbefinden kretischer Ziegen. Der Wechsel erfolgte, weil die direkte Extraktion effizienter war und ein gleichmäßigeres Material hervorbrachte. Die Ziegenmethode war malerisch, aber unzuverlässig: Sie hing von der Herdengröße, dem Weideverhalten, dem Wetter, dem Charakter der einzelnen Tiere und der Geduld der Hirten ab, die neben dem Harzauskämmen aus widerwilligem Vieh noch andere Dinge zu tun hatten.

Dennoch hielt sich die Ziegenmethode gerade deshalb so lange, weil die Alternative schwierig war. Cistus ladanifer sondert sein Harz als Abwehrmechanismus ab: eine klebrige Schicht auf Blättern und Stängeln, die unter heißen, trockenen Bedingungen vor Wasserverlust schützt und möglicherweise auch einige Pflanzenfresser abschreckt, offenbar jedoch keine Ziegen. Das Harz fließt nicht frei wie Kiefernharz, wenn man einen Baum anzapft. Es muss durch Hitze, Lösungsmittel oder physischen Kontakt extrahiert werden. Die Ziegen lieferten den physischen Kontakt. Sie waren gewissermaßen mobile Erntemaschinen, die die Hänge abgrasten und das Harz auf ihren eigenen Körpern konzentrierten.

Wenn man die offensichtliche Demütigung der Ziegen außer Acht lässt, besitzt diese Anordnung eine zufällige Eleganz. Die Pflanze produziert das Harz für ihre eigenen Zwecke. Die Ziege frisst die Pflanze für ihre eigenen Zwecke. Der Hirte kämmt die Ziege für seine eigenen Zwecke. Jeder Teilnehmer dieser Kette verfolgt seine eigene Agenda. Das Labdanum ist gewissermaßen ein Nebenprodukt dreier sich überschneidender Eigeninteressen, von denen keines etwas mit Parfümerie zu tun hat.


Einen Duft beschreiben, der sich jeder Analogie entzieht

Labdanum in seiner Rohform lässt sich nur schwer jemandem beschreiben, der ihm nicht unmittelbar begegnet ist. Die meisten Beschreibungen greifen auf das Wort „Amber“ zurück, was zirkulär ist, da Labdanum das ist, was Amber bedeutet. Andere suchen nach Analogien: warmes Leder, Trockenfrüchte, Honig, Tabak, sonnenbeschienener Stein. Es besitzt eine Süße, aber nicht die Süße von Zucker oder Vanille, eher die Süße überreifer Früchte, von etwas am Rand der Gärung. Eine animalische Qualität bleibt zurück, der leise Eindruck von etwas Lebendigem und Warmblütigem. Das mag eine echte Eigenschaft des Harzes sein oder eine Geruchserinnerung aus den Jahrhunderten, in denen das Material tatsächlich von einem lebenden Tier stammte.

Parfümeure, die mit Labdanum arbeiten, beschreiben es häufig als „rund“. Das ist synästhetische Kurzform: Gemeint ist, dass es keine scharfen Kanten, keine aggressiven Kopfnoten und keine stechenden oder adstringierenden Eigenschaften besitzt. Es sitzt wie ein warmer Körper in einem kalten Raum in der Basis einer Komposition, strahlt nach außen und füllt den Raum, ohne Aufmerksamkeit zu verlangen. Es ist ein Material, das die Stoffe um sich herum reicher, stimmiger und vollständiger wirken lässt. Deshalb wird es seit so langer Zeit als Grundlage von Amber-Akkorden verwendet. Es riecht nicht nur für sich genommen gut. Es lässt alles, was es berührt, stärker nach sich selbst riechen - also wärmer, tiefer und vollendeter.


Einbalsamierung, Weihrauch und die Theorie vom Pharaonenbart

Die Kulturgeschichte des Labdanums reicht weit über die Parfümerie hinaus. Im alten Ägypten wurde das Harz zur Einbalsamierung verwendet und in Tempeln als Weihrauch verbrannt. Es gibt eine hartnäckige und etwas umstrittene Theorie, wonach die zeremoniellen künstlichen Bärte der ägyptischen Pharaonen ursprünglich den harzverfilzten Bärten von Ziegen nachempfunden waren und der Pharaonenbart symbolisch ein Labdanum-Ernteinstrument darstellte. Diese Theorie lässt sich nur schwer beweisen und leicht verspotten, taucht aber in der wissenschaftlichen Literatur immer wieder auf, weil die visuelle Parallele tatsächlich verblüffend ist. Das Ladanisterion, der Rechen zum Auskämmen der Ziegen, sieht sogar wie ein zeremonieller Gegenstand aus: ein Stab mit herabhängenden Lederriemen, nicht unähnlich bestimmten Ritualgeräten, die auf ägyptischen Grabmalereien dargestellt sind.

Ob die Pharaonen nun symbolisch auf Ziegenbärte verwiesen oder nicht, die Verbindung zwischen Labdanum und religiöser Praxis ist gut belegt. Das Harz war eine der Zutaten in den heiligen Weihrauchrezepturen des Alten Orients. Es erscheint in den Arzneibüchern griechischer und römischer Ärzte. Dioskurides empfahl es in seiner De Materia Medica gegen Husten, Haarausfall und die Verhärtung der Gebärmutter. Plinius katalogisierte seine Eigenschaften in seiner Naturgeschichte mit der umfassenden Gutgläubigkeit, die die römische Naturkunde prägte. In jedem Fall wurde das Material als etwas Besonderes, Nützliches und symbolisch Aufgeladenes verstanden, als eine Substanz, die eine Brücke zwischen der gewöhnlichen Welt der Ziegen und Hänge und der entrückten Welt der Tempel und Paläste schlug.


Labdanum als architektonisches Material in der Parfümerie

In der zeitgenössischen Parfümerie bleibt Labdanum eines der wichtigsten natürlichen Materialien im olfaktorischen Spektrum. Es ist ein Grundbestandteil von Amber-Akkorden, orientalischen Kompositionen und Düften, die Wärme und Tiefe ohne ausgeprägte Süße anstreben. Es verbindet sich mühelos mit Vanille, Tonkabohne, Sandelholz, Oud und nahezu allem aus dem Register der Basisnoten. Man kann es in eine rauchige Richtung lenken, etwa in Verbindung mit Birkenteer oder Cade, in eine süße Richtung, etwa mit Benzoe oder Perubalsam, oder in eine animalische Richtung, etwa mit Moschus oder Zibet-Ersatzstoffen. Seine Vielseitigkeit ist eine Folge seiner molekularen Komplexität: Es enthält so viele aromatische Verbindungen, dass es mit nahezu jedem Material, auf das es trifft, chemische Berührungspunkte besitzt.

Die synthetische Chemie hat zahlreiche Moleküle hervorgebracht, die Aspekte des Labdanums nachahmen. Ambroxan, ein synthetisches Molekül, das strukturell mit einer in Ambra vorkommenden Verbindung verwandt ist, heute jedoch synthetisch hergestellt wird, erzeugt einen klaren, strahlenden, holzig-ambrigen Effekt, der in vielen modernen Düften vorkommt. Iso E Super trägt, obwohl es technisch gesehen ein holziges Molekül ist, zu einer glatten, ambernahen Wärme bei, die es zu einer der meistverwendeten aromatischen Chemikalien der Branche gemacht hat. Verschiedene proprietäre Basen, Mischungen synthetischer Moleküle zur Nachbildung des Amber-Akkords, sind bei den großen Dufthäusern erhältlich und werden sowohl in der feinen als auch in der funktionalen Parfümerie umfangreich eingesetzt.

Keine dieser synthetischen Substanzen bildet Labdanum vollständig nach. Sie erfassen Aspekte davon - die Wärme, die Süße, die Strahlkraft -, sind jedoch meist sauberer, glatter und eindimensionaler als das natürliche Material. Labdanum besitzt eine raue Kante, eine Komplexität, die daraus entsteht, dass es Hunderte statt nur ein oder zwei Verbindungen enthält. Im wörtlichsten Sinne riecht es nach etwas, das in schwierigem Boden unter heißer Sonne gewachsen ist und mit einer unwahrscheinlichen Methode aus den Gesichtern von Tieren gesammelt wurde. Diese Komplexität ist kein Mangel. Sie ist der eigentliche Kern.


Zufällig entdeckt, zur Kunst verfeinert

Die Geschichte des Labdanums ist im Kleinen die Geschichte der Parfümerie selbst. Ein zufällig entdecktes Material, mit einer rückblickend absurd wirkenden Methode geerntet, unter beträchtlichem Aufwand über weite Entfernungen gehandelt, in Tempeln verbrannt, auf Tote aufgetragen, von Ärzten verschrieben und schließlich zu einem der grundlegenden Bausteine einer Kunstform verfeinert. Die Ziegen wussten nicht, dass sie es ernteten. Die Hirten wussten nicht, dass sie eine Industrie versorgten, die erst Jahrhunderte später entstehen würde. Die Pflanze wusste nicht, dass ihr Abwehrmechanismus zur Grundlage des erkennbarsten Akkords der Duftwelt werden würde.

Niemand hatte das so geplant. Über Jahrtausende fügte es sich aus dem Zusammentreffen von Botanik, Tierverhalten, menschlichem Opportunismus und der schlichten Tatsache zusammen, dass manche Substanzen erstaunlich gut riechen und Menschen erstaunliche Gerüche niemals einfach in Ruhe lassen konnten.

Der Amber in Ihrem Parfum ist kein Edelstein. Er ist nicht im geologischen Sinne uralt. Er ist ein Harz von einem mediterranen Strauch, und seine Geschichte ist sonderbarer und interessanter, als es die eines jeden Edelsteins sein könnte. Er ging durch die Bärte von Ziegen. Er wurde mit einem Lederriemenrechen abgeschabt. Er reiste in Tongefäßen über die Weihrauchstraßen. Und nach einer dreitausendjährigen Reise landete er als warme Basisnote in einer Flasche auf Ihrer Kommode.

Das ist die gesamte Strecke von der Ziege zum Glamour. Sie ist kürzer, als Sie denken, und länger, als Sie sich vorstellen können.


Siehe auch: Labdanum im Premiere Peau-Glossar.

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